PISA-Schock 2025: Warum Deutschlands Schulen scheitern, und wie die perfekte Schule aussehen würde

· Aktualisiert: · Dirk Jeske

Schiefer Turm von Pisa mit Schultaschen davor, links eine absteigende Rangliste mit rotem Pfeil nach unten

8. September 2026, kurz nach halb zehn Uhr morgens. Zwischen zwei Browser-Tabs poppt die Meldung auf: PISA 2025 veröffentlicht, historisch schlechte Werte für Deutschland. Ich sitze gerade an einem völlig anderen Artikel, über Menschen, die lernen sollen, mit einem Werkzeug umzugehen, das es vor drei Jahren noch nicht gab. Und dann diese Zahl: Ein Drittel der 15-Jährigen in Deutschland kann nicht richtig lesen. Nicht liest ungern. Kann nicht.

Ich lese die Meldung dreimal, weil ich sie beim ersten Mal für einen Tippfehler halte. 465 Punkte im Lesen. Niedriger als beim allerersten PISA-Test im Jahr 2000. Niedriger als vor 25 Jahren, in einem Land, das seitdem Milliarden in Bildung gesteckt hat.

Als Vater ist das für mich keine abstrakte Kennzahl aus einem OECD-Bericht. Es ist die Generation, die in zehn Jahren genau die Fachkräfte stellen soll, über deren Mangel gerade jeder redet.

💡Das Wichtigste in Kürze

PISA 2025 zeigt die schlechtesten deutschen Werte seit dem Jahr 2000, mit einer historisch engen Kopplung von Herkunft und Bildungserfolg. Estland, Kanada und Singapur zeigen, was wirklich wirkt. Der Fachkräftemangel hängt real damit zusammen, aber es passiert mehr als gedacht. Und KI kann helfen oder schaden, je nachdem wie sie eingesetzt wird.

  • PISA 2025: Deutschland erreicht in allen drei Bereichen nur noch OECD-Durchschnitt, historisch schlechteste Werte seit dem Jahr 2000
  • Sozioökonomische Herkunft entscheidet über Bildungserfolg so stark wie in kaum einem anderen Industrieland
  • Estland, Kanada und Singapur zeigen: bessere Lehrerausbildung und echte Chancengleichheit wirken, nicht punktuelle Reformen
  • Der Zusammenhang zwischen schwachen Schulleistungen und Fachkräftemangel ist real, aber die These „es passiert nichts" stimmt nicht mehr ganz
  • Birkenbihl warnte schon vor Jahrzehnten: Schule arbeitet strukturell gegen das Gehirn
  • KI kann Lernen fördern oder untergraben, der Unterschied liegt nicht im Werkzeug, sondern in seinem Einsatz
  • Handschrift und Papier schlagen Tablet und Bildschirm beim tiefen Verstehen, aber nicht ausnahmslos

Wie schlecht sind Deutschlands neue PISA-Werte wirklich?

So schlecht wie noch nie seit Beginn der PISA-Studien im Jahr 2000. Die heute veröffentlichten Ergebnisse zeigen 486 Punkte in Naturwissenschaften, 465 im Lesen und 464 in Mathematik, jeweils niedriger als 2022. Erstmals seit 2006 liegt Deutschland in Naturwissenschaften nicht mehr über dem OECD-Durchschnitt, in Lesen und Mathematik war das schon seit 2022 der Fall.

Studienleiter Samuel Greiff von der TU München nennt das einen „eindeutigen Abwärtstrend", keinen kurzfristigen Ausrutscher. Die Zahlen dahinter zeigen, warum: Rund ein Drittel der Jugendlichen erreicht in Lesen und Mathematik nicht einmal die Mindeststandards, in Naturwissenschaften ist es ein Viertel. Ein Fünftel der 15-Jährigen hat in keinem der drei Bereiche ausreichende Basiskompetenzen, ein Anteil, der sich seit 2015 verdoppelt hat. Gleichzeitig schrumpft die Spitzengruppe: Der Anteil auf den beiden höchsten Kompetenzstufen fiel seit 2015 in Naturwissenschaften von 11 auf 9 Prozent, in Mathematik von 13 auf 8 Prozent, im Lesen von 12 auf 7 Prozent. Nur noch 3 Prozent der Jugendlichen erreichen in allen drei Bereichen Spitzenniveau.

Am stärksten trifft es die, die es am wenigsten verkraften können. Der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und naturwissenschaftlicher Kompetenz ist so eng wie nie zuvor seit Beginn der PISA-Studien: Nur 2 Prozent der Jugendlichen aus benachteiligten Familien erreichen hohe Kompetenzen, gegenüber rund 25 Prozent aus privilegierten Familien. Dieser Zusammenhang ist etwa dreimal so stark wie in Kanada, doppelt so stark wie in Dänemark oder Norwegen. „Die Chancen auf Bildungserfolg sind in Deutschland ausgesprochen ungleich verteilt", sagt Greiff.

Das ist keine isolierte Momentaufnahme. 52 Prozent der deutschen Schulen melden Unterrichtsausfall wegen Lehrermangel, deutlich mehr als der OECD-Schnitt von 39 Prozent, wenn auch weniger als die 73 Prozent von 2022. Der IQB-Bildungstrend 2024 fand parallel, dass 34 Prozent der Neuntklässler den Mathe-Mindeststandard verfehlen. Eine Befragung von rund 850 Lehrkräften (STEP-Studie 2022) zeigt zusätzlich, dass über 70 Prozent seit den Corona-Jahren eine deutlich schlechtere Handschrift bei ihren Schülern beobachten. Und die Kreativitätsforscherin Kyung Hee Kim maß mit über 270.000 Testergebnissen, dass die Kreativitätswerte westlicher Schüler seit 1990 kontinuierlich sinken, am stärksten bei jüngeren Kindern.

Was machen Estland, Kanada und Singapur konkret anders?

Sie kombinieren unterschiedliche Rezepte, aber ein Muster zieht sich durch: konsequente Lehrerausbildung, früh einsetzende Förderung und echte Chancengleichheit statt punktueller Reformen. Die deutsche PISA-Pressemitteilung selbst nennt Estland, Kanada, die Schweiz und Österreich als Länder mit vergleichbaren Rahmenbedingungen, die deutlich besser abschneiden.

Estland liegt bei der von Lehrkräften erlebten Gestaltungsfreiheit weltweit auf Platz 1 der OECD. Schulen entwickeln eigene Curricula innerhalb eines nationalen Rahmens und stellen Lehrkräfte selbst ein, rückgebunden an eine einheitliche, anspruchsvolle Lehrerausbildung. Digitale Kompetenz ist seit 2014 fest im Curriculum verankert, kein Technik-Anhängsel, sondern Querschnittsfach, ergänzt durch das Coding-Programm ProgeTiger seit 2012. Greiff selbst nennt Estland als Beispiel dafür, „wie digitale Medien pädagogisch sinnvoll in den Unterricht integriert werden können".

Kanada zeigt vor allem eines: Chancengleichheit ist keine Wohltätigkeit, sondern eine Systementscheidung. Der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Schulerfolg ist dort nur ein Drittel so stark wie in Deutschland. Greiff nennt außerdem eine konsequente, datenbasierte Lernverlaufsbeobachtung als Vorbild, regelmäßige kurze Tests, mit denen Lehrkräfte den Lernfortschritt praktisch in Echtzeit sehen und gezielt reagieren können, statt erst am Zeugnistag zu merken, dass jemand abgehängt ist.

Singapur führt die globale PISA-Rangliste an, mit dem höchsten gesellschaftlichen Status für Lehrkräfte weltweit. Alle Lehrer werden zentral an einem einzigen Institut ausgebildet, bezahlt ab dem ersten Ausbildungstag, mit Jobgarantie danach und 100 Pflicht-Fortbildungsstunden pro Jahr. Das Land reformierte sein System bereits 2003 unter dem Motto „Teach Less, Learn More" (Weniger lehren, mehr lernen), weniger Stofffülle, mehr Tiefe. Was international als „Singapore Math" kursiert, ist im Kern die Concrete-Pictorial-Abstract-Methode des amerikanischen Psychologen Jerome Bruner aus den 1960er-Jahren, Singapur hat sie nur konsequent in ein landesweit einheitliches Lehrbuchsystem übersetzt. Ehrlich gehört dazu: Singapur kämpft selbst mit dem Leistungsdruck, den sein System erzeugt, und reformiert seit 2026 aktiv gegen das eigene Prüfungs-Wettrüsten.

Die Schweiz und Österreich setzen stärker auf duale Berufsbildung, 75,6 Prozent eines Jahrgangs in der Schweiz gegenüber 52,9 Prozent in Deutschland, und eine einheitliche Lehrerausbildung an Pädagogischen Hochschulen statt der deutschen Fragmentierung zwischen 16 Bundesländern.

Eine Warnung gehört in jeden Ländervergleich: Finnland, jahrzehntelang das Vorzeige-Vorbild, ist seit 2009 kontinuierlich abgestiegen, unter anderem durch unkuratierte digitale Arbeitsblätter statt Schulbücher. Auch ein früherer Musterschüler kann absteigen. Kein Bildungssystem hält sich von selbst.

Warum wird trotz Fachkräftemangel-Alarm an den Schulen kaum etwas verändert?

Die These stimmt nur zur Hälfte. Es gibt seit 2024 tatsächlich mehrere Milliardenprogramme, aber sie kamen spät, sind bürokratisch und ihre Wirkung ist noch nicht einmal gemessen. „Es passiert nichts" ist falsch, „es wirkt noch nicht" trifft es besser.

Der Zusammenhang zwischen schwachen Schulleistungen und Fachkräftemangel ist gut belegt, keine gefühlte Wahrheit. Der Bildungsökonom Ludger Wößmann (ifo-Institut) rechnete vor, dass 25 zusätzliche PISA-Punkte Deutschlands Wirtschaftskraft langfristig um 7,3 Prozent steigern würden. Das IW Köln beziffert die aktuelle MINT-Fachkräftelücke auf 163.600 Personen. Beim DIHK konnte fast jeder zweite Betrieb 2024 und 2025 nicht alle Ausbildungsplätze besetzen, 71 Prozent davon aus Mangel an geeigneten Bewerbern. Der ZDH-Präsident Jörg Dittrich bringt es auf den Punkt: Wer eine Bedienungsanleitung nicht lesen kann, qualifiziert sich für viele Ausbildungsberufe schlicht nicht.

Und trotzdem stimmt das Bild von der reinen Untätigkeit nicht. Seit August 2024 läuft das Startchancen-Programm, 20 Milliarden Euro über zehn Jahre für rund 4.000 Schulen in schwieriger Lage. Im Dezember 2025 einigten sich Bund und Länder auf den Digitalpakt 2.0, 5 Milliarden Euro bis 2030. Die Kultusministerkonferenz beschloss bereits im März 2024 verpflichtende Sprachstandserhebungen vor der Einschulung und ein bundesweites Qualifizierungsprogramm für Mathematiklehrkräfte namens QuaMath.

Das eigentliche Problem: Die Startchancen-Wirkungsmessung beginnt frühestens 2026, eine Zwischenbilanz gibt es erst 2028. Schulleitungen berichten inzwischen, das Geld „bläht die Verwaltung auf und fehlt in den Klassenzimmern". Der Digitalpakt 2.0 kam zwei Jahre nach dem letzten PISA-Schock. Wer über Fachkräftemangel klagt und an der Grundschule spart oder zu langsam handelt, pflanzt keinen Baum und wundert sich über die fehlende Ernte.

Selbst die Lehrerverbände sind sich nicht einig, was zuerst kommen muss. Der Philologenverband fordert vor allem individuelle Sprachdiagnostik und Leistungsdifferenzierung, GEW und VBE setzen stärker auf Ressourcen gegen strukturelle Ungleichheit. Beide haben recht, und genau das zeigt: Wer nur eine Stellschraube dreht, übersieht die andere.

Hat Birkenbihl das Bildungsdesaster schon vor Jahrzehnten vorausgesagt?

Im Kern ja. Vera F. Birkenbihl beschrieb schon in „Trotzdem lehren" und dem Gegenstück für Lernende, „Trotzdem lernen", dass Schule strukturell gegen das Gehirn arbeitet: Frontalunterricht, Auswendiglernen und Notenangst statt gehirngerechten Methoden.

Ihre Kernthese in einem Satz, sinngemäß aus „Trotzdem lehren": Schule funktioniert bei vielen nicht, weil sie nicht gehirngerecht arbeitet. Statt Kinder Antworten reproduzieren zu lassen, entwickelte Birkenbihl einen ganzen Werkzeugkasten, 39 Techniken für gehirngerechtes Lernen (NLLS), gebündelt in der sogenannten GEIL-Formel für guten Unterricht. Dieselbe Diagnose findet sich, unabhängig von ihr entwickelt, bei den Kreativitätsforschern George Land und Kyung Hee Kim: Schulen trainieren Konformität, nicht divergentes Denken. 98 Prozent der Fünfjährigen erreichen in Kreativitätstests Genie-Niveau, bei Erwachsenen sind es noch 2 Prozent (mehr dazu in dem Artikel zum kreativen Potenzial).

Ein Einordnungshinweis, weil Ehrlichkeit mir wichtiger ist als eine glatte Geschichte: Birkenbihls Bücher sind in meiner eigenen Recherche-Basis noch nicht vollständig gelesen, nur einzelne Fakten sind gegen mein physisches Exemplar geprüft. Die Gesamtthese teile ich trotzdem, weil sie sich mit unabhängigen, Jahrzehnte später erhobenen Daten deckt: Der PISA-2025-Befund, dass die Spitzengruppe schrumpft, während gleichzeitig ein wachsender Anteil grundlegende Basiskompetenzen verfehlt, passt exakt zu Birkenbihls Diagnose eines Systems, das weder Begabte fördert noch Schwache auffängt, weil es alle gleich behandelt statt gehirngerecht.

Macht KI Schüler klüger oder nur bequemer?

Beides ist möglich, entscheidend ist, wie sie eingesetzt wird. PISA 2025 selbst zeigt: Schüler, die KI nie für Hausaufgaben nutzen, schneiden in Naturwissenschaften im Schnitt rund 20 Punkte besser ab, das entspricht etwa einem Schuljahr, außer wenn KI gezielt als Lernhilfe eingesetzt wird. Dann kehrt sich der Effekt um.

Die OECD warnt selbst ausdrücklich: „The findings show an association rather than proof that AI use raises or lowers achievement" (Der Befund zeigt einen Zusammenhang, keinen Beweis, dass KI-Nutzung die Leistung steigert oder senkt). Denkbar ist auch die umgekehrte Richtung: Schwächere Schüler greifen eher zu KI als Ersatz statt als Hilfsmittel. In Deutschland nutzt laut derselben Erhebung die Hälfte der 15-Jährigen mindestens wöchentlich KI-Chatbots zum Lernen, 36 Prozent davon zum Verfassen von Hausaufgabentexten.

Die meistzitierte Warnstudie, „Your Brain on ChatGPT" vom MIT Media Lab (Nataliya Kosmyna und Kollegen), fand per EEG die schwächste Gehirnkonnektivität bei Essays mit ChatGPT-Hilfe, 83 Prozent der Nutzer konnten hinterher keinen Satz ihres eigenen Textes zitieren. Die Autoren prägten dafür den Begriff cognitive debt (kognitive Verschuldung), dem Konzept, das ich in Cognitive Debt: Warum dein Gehirn nach KI-Sessions leer ist ausführlich nachgehe. Was in der Berichterstattung fast immer fehlt: Es handelt sich um einen bislang nicht begutachteten Preprint mit nur 18 Personen in der entscheidenden Testrunde, an Erwachsenen, nicht an Schülern. Die Autoren selbst warnen vor der reißerischen Verkürzung ihrer eigenen Arbeit.

Ähnlich uneins ist die Forschung zum sogenannten cognitive offloading (Auslagerung von Denkprozessen an KI-Werkzeuge): Eine Studie (Gerlich, 2025) findet einen negativen Zusammenhang mit kritischem Denken, eine andere (Wang, 2026) zeigt, dass der Effekt nicht am Auslagern selbst hängt, sondern daran, wie kompetent jemand die Technologie nutzt. Wie sich dieses Auslagern über Monate anfühlt, beschreibe ich in Wer bist du noch ohne deine KI-Gedanken?

Die stärkste positive Evidenz kommt nicht aus freier Chatbot-Nutzung, sondern aus strukturiertem, didaktisch eingebettetem KI-Tutoring. Eine Weltbank-Studie in Nigeria mit KI-gestütztem Englischunterricht erzielte einen Lernfortschritt von eineinhalb bis zwei Jahren regulärer Schulzeit, in sechs Wochen. Ein WhatsApp-Mathe-Tutor in Ghana erreichte binnen acht Monaten ungefähr ein zusätzliches Lernjahr, zu Kosten von rund 5 US-Dollar pro Schüler. Eine zweijährige Studie zum KI-Tutor Khanmigo in US-Schulen fand einen moderaten, aber echten positiven Effekt in Mathematik.

Die Kultusministerkonferenz verfolgt seit 2024/2025 einen kritisch-konstruktiven statt restriktiven Kurs, mit dem staatlichen Chatbot telli für Schulen. Die Lehrerverbände fordern überwiegend keine Verbote, sondern Handwerkszeug: Die GEW verlangt mehr kritische Medienbildung, der VBE mehr Fortbildung, der Deutsche Lehrerverband datenschutzkonformen Zugang zu KI-Werkzeugen für Lehrkräfte selbst. Manuel Flick, Lehrer und KI-Fortbildner, bringt die Kernspannung in einem Satz auf den Punkt: „Was euch als Lehrkraft Arbeit abnimmt, kann euren Schüler:innen auch das Lernen abnehmen." Den Effekt dahinter nennt der Tübinger Gymnasiallehrer und Forscher Florian Nuxoll skill skipping (Kompetenz-Umgehung): Aufgaben werden an KI abgegeben, ohne dass der Lernprozess dahinter überhaupt stattfindet. Was bewussten KI-Einsatz von unbewusstem unterscheidet, beschreibe ich ausführlicher in der goldenen Mitte.

Handschrift oder Tablet: Was bringt dem Gehirn wirklich etwas?

Der Mythos „Handschrift macht automatisch klüger" ist wissenschaftlich entzaubert, ein robuster Kern bleibt trotzdem: Kinder lernen Buchstaben und Lesen nachweislich besser, wenn sie von Hand schreiben statt zu tippen.

Die berühmteste Studie dazu, „The Pen Is Mightier Than the Keyboard" (Mueller und Oppenheimer, 2014), wurde in mehreren Replikationsversuchen nicht bestätigt. Die aktuellste Meta-Analyse von 2024 mit 24 Studien findet nur einen kleinen Vorteil beim späteren Wiederholen von Notizen, keinen dramatischen Sofort-Effekt.

Robuster ist die Forschung zum Schrifterwerb bei Kindern: Mehrfach unabhängig repliziert zeigt sich, dass handschriftliches Üben Buchstaben- und Leseerkennung besser trainiert als Tippen, weil jede handschriftliche Wiederholung leicht variiert und dadurch die Symbolerkennung robuster macht. Ein Tablet mit Eingabestift schneidet dabei fast identisch zu Papier ab, deutlich besser als reines Tippen. Es geht also nicht um Papier gegen Bildschirm, sondern um die stiftgeführte Bewegung gegen das Tippen.

Eine vielzitierte EEG-Studie der norwegischen Forscherin Audrey van der Meer fand mehr Gehirnnetzwerk-Aktivität beim Handschreiben. Eine methodische Kritik (Pinet und Longcamp, 2025) weist aber darauf hin, dass im Studiendesign gar kein echtes Lernen stattfand. Der Sprung zu „deshalb besseres Lernen" ist in den Daten selbst nicht abgesichert.

Und die Sorge um WhatsApp und SMS lässt sich entwarnen: Mehrere unabhängige Studien, darunter die des Linguisten David Crystal sowie britische und deutsche Untersuchungen, finden keinen Rechtschreibverfall durch Kurznachrichten-Sprache. Jugendliche wechseln bewusst das Register zwischen WhatsApp-Ton und Schulaufsatz, das ist kein Kompetenzverlust, sondern Sprachgefühl.

Buch oder Bildschirm: Was passiert beim Lesen wirklich mit dir?

Ein Drittel der deutschen 15-Jährigen kann nicht richtig lesen, das war der Satz, mit dem dieser Artikel begann. Ein Teil der Antwort liegt nicht nur im Unterricht, sondern im Medium selbst. Bei langen, komplexen Sachtexten schneidet Papier nachweislich besser ab, bei Geschichten kaum. Der Unterschied liegt nicht am Medium an sich, sondern daran, wie leicht du dich im Text verorten kannst.

Mehrere große Meta-Analysen, Delgado und Kollegen 2018 mit über 170.000 Teilnehmern, Clinton 2019, finden einen kleinen, aber robusten Vorteil für Papier, der über die Jahre eher zu- als abnimmt. Digital aufgewachsene Leser gleichen den Effekt nicht automatisch aus. Bei erzählenden Texten dagegen verschwindet der Unterschied fast vollständig (Schwabe und Kollegen, 2022).

Die Leseforscherin Anne Mangen erklärt das mit einer Materialitäts-Hypothese: Taktiles Blättern liefert eine räumliche Karte des Textes, die beim Scrollen fehlt. Maryanne Wolf beschreibt einen eigenen Tiefenlese-Schaltkreis im Gehirn, der beim schnellen Bildschirm-Skimming verkümmern kann, allerdings eher theoriegeleitet als durch Bildgebung bewiesen. Naomi Baron fand, 92 Prozent der von ihr Befragten konzentrieren sich auf Papier am besten.

In Deutschland lesen laut IGLU-Studie nur 30 Prozent der Viertklässler wöchentlich digital, in Skandinavien 70 Prozent, gleichzeitig kann ein Viertel der deutschen Grundschüler nicht flüssig und selbstständig lesen. Das ist derselbe Trend, den auch die norwegische Reverse-Flynn-Effekt-Forschung zeigt: Nach Jahrzehnten steigender IQ-Werte sinken sie seit den 1990er- und 2000er-Jahren in mehreren westlichen Ländern wieder, wobei die Forscher selbst betonen, die genaue Ursache, Bildung, Medien, Ernährung oder gesellschaftliche Faktoren, sei bisher nicht bewiesen. Auch die vielzitierte These, Smartphones seien die Hauptursache der Jugend-Mental-Health-Krise (Jonathan Haidt), ist unter Entwicklungspsychologen ausdrücklich umstritten. Was übrig bleibt, ist kein geschlossener Beweis, sondern ein Muster paralleler Trends, das ernst zu nehmen ist, ohne es auf eine einzige, einfache Ursache zu verkürzen.

Wie sieht die perfekte Schule heute aus?

Sie kopiert kein einzelnes Land, sondern kombiniert, was in jedem der oben genannten Länder unabhängig voneinander funktioniert: gehirngerechtes Lernen, echte Chancengleichheit und Technik als Werkzeug, nicht als Ersatz.

Sie beginnt vor der Einschulung, mit verbindlicher Sprachförderung für jedes Kind, das sie braucht, nicht erst wenn das Problem in der vierten Klasse sichtbar wird. Sie bildet Lehrkräfte einheitlich und anspruchsvoll aus, wie Singapur und Estland, und gibt ihnen die Gestaltungsfreiheit, die Estland seinen Lehrkräften zutraut. Sie verteilt Ressourcen nach Bedarf statt nach Gießkannenprinzip, wie es Greiff für Deutschland explizit fordert, und misst Lernfortschritt laufend statt einmal im Halbjahr, wie in Kanada.

Sie unterrichtet gehirngerecht statt konformitätstrainierend, im Sinne von Birkenbihls GEIL-Formel: Kinder erzeugen zuerst viele eigene Antworten, bevor eine einzige richtige bewertet wird. Sie lässt Kinder von Hand schreiben lernen, mit Papier oder Tablet-Stift, weil das ihre Buchstaben- und Leseerkennung nachweislich stärkt, und sie balanciert Bildschirm- und Papierlektüre bewusst, statt Digitalisierung als Selbstzweck zu betreiben, wie Estland es vormacht.

Und sie setzt KI dort ein, wo strukturiertes, didaktisch eingebettetes Tutoring nachweislich wirkt, RCT-geprüft wie in Nigeria oder Ghana, nicht als unreflektierten Hausaufgaben-Ersatz. Sie fordert von Schülern eigenes Denken, bevor die KI die Antwort liefert, damit aus Fachkräftemangel-Klagen endlich wieder Fachkräfte werden.

Keines dieser Elemente ist neu. Jedes einzelne existiert bereits, in einem anderen Land, in einem anderen Jahrzehnt, in einem ungelesenen Buch in meinem Regal. Was fehlt, ist nicht das Wissen. Es ist der politische Wille, es zusammenzusetzen, bevor der nächste PISA-Schock kommt.

Dasselbe Muster kennst du wahrscheinlich aus deinem eigenen Leben. Du weißt oft genau, was dir guttäte: KI bewusst nutzen statt sie dein Denken übernehmen zu lassen, von Hand schreiben statt nur zu tippen, dranbleiben statt aufzuschieben. Und trotzdem passiert es nicht von selbst. Bildungssysteme scheitern nicht am fehlenden Wissen. Menschen auch nicht. Beide brauchen etwas, das aus Erkenntnis tatsächlich Handeln macht.

Für diesen Artikel habe ich nicht nur Zusammenfassungen gelesen, sondern die Originalquellen geprüft: die offizielle PISA-Pressemitteilung, die Replikationsstudien zur Handschrift-Forschung, den MIT-Preprint zu ChatGPT und Gehirnaktivität im englischen Original. Wo die Forschung uneinig ist, beim Reverse-Flynn-Effekt oder bei Haidts Smartphone-These, steht das hier auch so.

Häufige Fragen

Was hat PISA 2025 für Deutschland konkret ergeben?

Deutschland erzielte 486 Punkte in Naturwissenschaften, 465 im Lesen und 464 in Mathematik, jeweils die schlechtesten Werte seit dem ersten PISA-Test im Jahr 2000. Rund ein Fünftel der 15-Jährigen erreicht in keinem der drei Bereiche ausreichende Basiskompetenzen.

Ist der Zusammenhang zwischen PISA-Ergebnissen und Fachkräftemangel wissenschaftlich belegt?

Ja, mehrfach unabhängig, unter anderem durch das ifo-Institut, das IW Köln und den DIHK. Unbelegt ist dagegen die pauschale Behauptung, es passiere seit PISA 2022 gar nichts an deutschen Schulen: Seit 2024 laufen mehrere Milliardenprogramme, ihre Wirkung ist aber noch nicht gemessen.

Macht KI Schüler wirklich dümmer?

Die Forschungslage ist uneindeutig und hängt stark davon ab, wie KI genutzt wird. Freie Chatbot-Nutzung korreliert in PISA 2025 mit schwächeren Ergebnissen, strukturiertes KI-Tutoring in kontrollierten Studien zeigt dagegen deutliche Lernfortschritte.

Ist Handschrift wirklich besser als Tippen?

Für den Schrifterwerb bei Kindern ja, das ist gut belegt. Für Erwachsene und Notizen ist der oft zitierte Effekt kleiner als sein Ruf, die Ursprungsstudie dazu wurde mehrfach nicht repliziert.

Was hat Vera F. Birkenbihl mit der aktuellen Bildungskrise zu tun?

Sie beschrieb schon in den 1990er- und 2000er-Jahren, dass Schule strukturell gegen das Gehirn statt mit ihm arbeitet. Ihre Diagnose deckt sich mit den heutigen PISA-Daten, auch wenn ihre Bücher in dieser Recherche noch nicht vollständig ausgewertet sind.

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Dirk Jeske

Blogger, Systemdenker und Permakultur-Praktiker

Kein Redaktionsteam, keine Freelancer. Auf einem historischen Gutshof zwischen Permakultur-Paradies und Laptop schreibe ich als Solopreneur für Menschen, die KI nutzen und dabei nicht aufhören wollen, selbst zu denken. Mit Drahthaar und einer Schar Hühnern als Korrektiv gegen zu viel Bildschirm wecke ich den Schöpfer in dir.